Viertes Kapitel. Die Hinkende

II.

Die Angelegenheit, die Lisaweta Nicolajewna mit Schatoff besprechen wollte, erwies sich zu meinem Erstaunen als tatsächlich rein literarisch. Ich weiß nicht, warum ich überzeugt gewesen war, daß sie ihn aus einem anderen Grunde zu sich gerufen hätte. Als wir nun sahen, daß sie aus ihrem Anliegen kein Geheimnis vor uns machte und auch nicht leise sprach, hörten wir unwillkürlich zu; und bald zog sie uns sogar mit ins Gespräch und bat auch uns um Rat. Sie hatte, wie sie uns auseinandersetzte, schon lange die Herausgabe eines ihrer Meinung nach sehr nützlichen Buches geplant. Da sie aber in solchen literarischen Sachen keine Erfahrung besaß, so brauchte sie einen Mitarbeiter. Der Ernst, mit dem sie Schatoff ihren Plan zu erklären versuchte, setzte mich wirklich in Erstaunen.

„Also auch eine von den Modernen,“ dachte ich. „Sie scheint nicht umsonst in der Schweiz gewesen zu sein.“

Schatoff hörte ihr aufmerksam zu, den Blick eigensinnig an den Boden geheftet, und ohne jegliche Verwunderung darüber, daß ein junges Mädchen der Gesellschaft sich mit solchen Sachen abgab.

Es handelte sich um Folgendes. In einem Lande wie Rußland erscheint jährlich eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften aller Art, und in ihnen wird tagaus tagein von allen möglichen Ereignissen berichtet. Aber wenn dann das Jahr vergangen ist, werden die alten Zeitungen überall weggeräumt, in Schränke gesteckt, oder sie liegen herum, werden zerrissen, werden zum Einschlagen verwandt usw. Manch eines von den mitgeteilten Ereignissen bleibt wohl im Gedächtnis des Lesers haften, wenn es auf ihn einen Eindruck gemacht hat, und gerät erst nach Jahren in Vergessenheit. Nun würden aber viele später gern nachschlagen und das einmal Gelesene wieder lesen wollen, aber was gäbe das für eine Arbeit, in diesem Meer von Blättern die Stelle zu finden, zumal man sich oft nicht einmal erinnert, in welchem Jahre oder Monat und in welcher Zeitung man die betreffende Sache gelesen hat. Indessen könnte, wenn man alle derartigen Geschehnisse eines ganzen Jahres sammelte und in einem einzigen Bande herausgäbe – selbstverständlich nach einem bestimmten Plan und nach einem bestimmten leitenden Gedanken geordnet, mit einteilenden Überschriften, mit einem Index und mit übersichtlicher Angabe der Zeit (Monate und Tage) – so könnte eine solche Zusammenfassung des Stoffes in einem übersichtlichen Werke die ganze Charakteristik des russischen Lebens im Laufe dieses Jahres veranschaulichen, obwohl von den Ereignissen selbst, im Vergleich zu all den unzähligen Geschehnissen, von denen die Zeitungen berichten, natürlich nur ein kleiner Bruchteil gebracht werden soll.

„Wir würden also statt einer Menge Blätter mehrere dicke Bücher haben, und das wäre alles,“ bemerkte Schatoff.

Doch Lisaweta Nicolajewna verteidigte ihren Gedanken mit großem Eifer, obgleich es schwer war, ihn einleuchtend zu erklären, ganz abgesehen davon, daß sie sich auch nicht recht auszudrücken verstand. Es müsse nur ein einziger Band werden, und nicht einmal ein sehr dicker, beteuerte sie. Oder wenn es auch ein dickes Buch werden sollte, so müsse es doch übersichtlich sein, und deshalb sei die Hauptsache der Plan und die Art der Einteilung des Stoffes. Selbstredend dürfe nicht alles genommen und abgedruckt werden. Erlasse, Regierungsmaßnahmen, örtliche Verordnungen, Gesetze – so wichtig das alles auch sei – in das Buch brauchte man davon doch nichts aufzunehmen. Überhaupt könnte man vieles weglassen und sich auf eine Auswahl von Geschehnissen beschränken, die mehr oder weniger das ethische und persönliche Leben des Volkes, sozusagen die Persönlichkeit des russischen Volkes im gegebenen Augenblicke ausdrückten. Freilich käme alles in Betracht: Kuriositäten, Brände, Spenden, Stiftungen, die verschiedensten guten oder schlechten Handlungen, verschiedene Aussprüche und Reden, ja, schließlich auch Nachrichten von Überschwemmungen, ja meinethalben auch einzelne Regierungserlasse, aber aus allem müsse nur das herausgesucht werden, was die Epoche kennzeichnet. Alles müsse eben unter einem bestimmten Gesichtswinkel erfaßt und hingestellt werden, und hinter allem müsse ein Gedanke stehen, der den Zusammenhang des Ganzen sichtbar werden lasse. Und schließlich müsse das Buch sogar als Lektüre interessant und fesselnd sein, ganz zu schweigen von seinem Wert als notwendiges Nachschlagebuch! Es wäre also gewissermaßen ein Bild des geistigen, sittlichen, inneren russischen Lebens im Laufe eines Jahres. „Es muß so sein, daß alle es kaufen, es muß zu einem richtigen Handbuch werden,“ behauptete Lisa. „Ich weiß wohl, daß hierbei der Plan die Hauptsache ist, und deshalb wende ich mich an Sie,“ schloß Lisa. Sie war recht in Eifer geraten, und obgleich sie sich unklar und unvollständig ausgedrückt hatte, begann Schatoff zu begreifen.

„Es würde also doch so etwas mit einer Tendenz werden, eine Zusammenstellung von Fakten unter einem bestimmten Gesichtswinkel,“ brummte er, immer noch ohne den Kopf zu erheben.

„Keineswegs mit einer Tendenz, das ist gar nicht nötig! Nichts als Objektivität – das soll die ganze Richtschnur sein.“

„Aber die Richtung wäre ja an sich nichts Schlimmes,“ sagte Schatoff und bewegte sich endlich, „auch ließe sich das wohl nicht vermeiden, sobald man überhaupt eine Auswahl trifft. In der Art der Auswahl und Zusammenstellung wird eben schon der Hinweis enthalten sein, wie man das Ganze verstehen soll. Ihre Idee ist nicht schlecht.“

„So glauben Sie, daß man ein solches Buch zustande bringen kann?“ fragte Lisa erfreut.

„Man muß sich das noch überlegen. Es würde ein großes Unternehmen werden. So plötzlich läßt sich nichts ausdenken. Da muß man Erfahrungen sammeln. Selbst während der Arbeit dürften wir noch nicht recht wissen, wie es am besten zu machen wäre. Vielleicht finden wir das erst nach vielen Versuchen. Aber der Gedanke fängt an, einem klar zu werden. Es ist ein nützlicher Gedanke.“

Endlich sah er auf und seine Augen leuchteten sogar vor Vergnügen, so sehr war er jetzt interessiert.

„Haben Sie sich das selbst ausgedacht?“ fragte er Lisa freundlich und, wie das so seine Art war, fast verschämt.

„Ach, das Ausdenken war kein Kunststück, dafür aber ist das der Plan um so mehr,“ erwiderte Lisa lächelnd. „Ich verstehe wenig davon und bin nicht sehr klug, ich verfolge nur das, was mir selbst klar ist ...“

„Sie verfolgen?“

„Das ist wohl nicht das richtige Wort?“ forschte Lisa schnell und wißbegierig.

„Nein, doch ... man kann es sagen. Ich fragte nicht deswegen.“

„Ich habe mir schon im Auslande gesagt, daß auch ich der allgemeinen Sache irgendwie nützlich sein könnte. Ich besitze mein eigenes Geld, und es liegt tot da. Warum soll ich nicht gleichfalls arbeiten? Und zudem kam mir jene Idee ganz von selbst, ich habe mich gar nicht angestrengt oder sie mir ausgedacht –, der Gedanke war auf einmal da, und da freute ich mich sehr. Ich sah nur gleich ein, daß es ohne einen Mitarbeiter nicht gehen würde, da ich allein doch nichts verstehe. Der Mitarbeiter soll natürlich auch gleich der Mitherausgeber sein. Wir machen es dann zur Hälfte: von Ihnen kommt der Plan und die Arbeit, von mir die Idee und die Mittel zur Herausgabe. Das Buch wird sich doch bezahlt machen!“

„Wenn wir den richtigen Plan finden, wird das Buch schon gehen.“

„Ich muß nur vorausschicken, daß ich es nicht wegen des möglichen Überschusses tue, aber ich möchte doch sehr, daß es viel gekauft wird, und auf einen Überschuß wäre ich natürlich furchtbar stolz.“

„Aber was soll ich denn dabei?“

„Aber ich bitte doch gerade Sie, dieser Mitarbeiter zu sein ... Wir teilen dann. Sie werden doch den Plan ausdenken.“

„Woher wissen Sie, ob ich das kann?“

„Man hat mir schon von Ihnen erzählt ... ich weiß, daß Sie sehr klug sind und ... zu arbeiten verstehen und ... viel denken. Mir hat Pjotr Stepanowitsch Werchowenski in der Schweiz von Ihnen erzählt,“ fügte sie eilig hinzu. „Er ist ein sehr kluger Mensch, nicht wahr?“

Schatoff sah sie im Nu mit einem gleichsam huschenden Blick an, der kaum über sie hinglitt, senkte aber sofort wieder die Augen.

„Auch Nicolai Stawrogin hat mir viel von Ihnen erzählt.“

Schatoff wurde plötzlich rot.

„Übrigens, hier sind schon Zeitungen.“ Sie nahm hastig ein zusammengebundenes Paket, das auf einem Stuhl bereit lag. „Ich habe schon versucht, eine Auswahl zu treffen und ein bißchen zusammenzustellen – ich habe die Stellen angestrichen und nummeriert ... Sie werden schon selbst sehen ...“

Schatoff nahm das Paket.

„Nehmen Sie es mit nach Haus, sehen Sie es dort durch – Sie wohnen doch irgendwo?“

„In der Bogojawlenskstraße, im Filippoffschen Hause.“

„Ich weiß, wo das ist. Dort soll, wie ich gehört habe, neben Ihnen auch irgendein Hauptmann wohnen, ein Herr Lebädkin?“ fuhr Lisa mit derselben hastenden Eile fort.

Schatoff saß, das Paket, wie er es genommen hatte, frei in der Hand haltend, wohl eine ganze Minute ohne zu antworten da und blickte zu Boden.

„Zu diesen Sachen werden Sie sich doch wohl einen anderen aussuchen müssen, denn ich – tauge nicht dazu,“ sagte er schließlich mit ganz eigentümlich gesenkter Stimme, ja, fast flüsternd.

Lisa flammte auf.

„Von was für Sachen reden Sie? Mawrikij Nicolajewitsch!“ rief sie diesen, „bitte geben Sie mir jenen Brief.“

Auch ich trat nach Mawrikij Nicolajewitsch an den Tisch.

„Sehen Sie dies hier,“ wandte sie sich plötzlich an mich, während sie in sichtlich großer Erregung den Brief entfaltete. „Haben Sie schon je etwas Ähnliches gesehen? Bitte, lesen Sie es laut vor. Ich will, und es ist nötig, daß auch Herr Schatoff es hört,“ wandte sie sich darauf an mich, „haben Sie schon je in Ihrem Leben so was gelesen? Bitte, lesen Sie laut vor. Auch Herr Schatoff soll’s hören.“

Ich las nicht wenig erstaunt das Folgende:

„An die vollendete Schönheit, die Jungfrau Lisaweta Nicolajewna Tuschina.

Gnädiges Fräulein!

O, wie ist sie wunderbar,

Lisaweta Tuschina!

Wenn sie morgens ausreitet

Und durch ihre Locken der Wind gleitet!

Dann wünsch’ ich mir von ihr alle Wonne

Und denk’, sie sei meine Frau und meine Sonne.

(Gedichtet von einem Ungelehrten nach einem

Streite.)

Gnädiges Fräulein!

Am meisten bedauere ich, daß ich vor Sebastopol nicht einen Arm zum Ruhme der Tapferkeit verloren habe, sintemal ich dort überhaupt nicht gewesen bin, sondern man mich während des ganzen Feldzuges mit der Lieferung von ganz gemeinem Proviant beschäftigt hat. Sie aber sind eine Göttin im Altertum und ich bin vor Ihnen nichts, doch jetzt ahne ich, was Unermeßlichkeit ist. Betrachten Sie alles, was ich Ihnen sage, als Verse, denn Verse sind Poesie, und Poesie ist Unsinn, aber sie entschuldigt das, was man in der Prosa Unverschämtheit nennt. Wie aber sollte sich eine Sonne über eine Infusorie ärgern, wenn es doch, mit dem Mikroskop betrachtet, unendlich viele Infusorien schon in einem Wassertropfen gibt! Sogar der große Klub der Nächstenliebe zu großem Viehzeug in Petersburg, der mitleidig für die Rechte von Hunden und Pferden kämpft, nimmt sich der kleinen Infusorie nicht an, weil sie nicht ausgewachsen ist. Auch ich bin noch nicht ausgewachsen. Der Gedanke an eine Heirat würde komisch sein. Aber durch einen Menschenhasser, den Sie verachten, werde ich bald zweihundert ehemalige Seelen besitzen. Kann vieles mitteilen, und habe Dokumente in der Hand, wofür es sogar nach Sibirien gehen kann. Verachten Sie also nicht meinen Antrag. Dieser Brief ist rein poetisch zu verstehen.

Hauptmann Lebädkin,
Ihr ergebenster Freund, der immer Zeit hat.“

„Das hat ein Betrunkener geschrieben,“ rief ich aus, „ein erbärmlicher Mensch! – Ich kenne ihn!“

„Ich erhielt ihn gestern,“ begann Lisa, hochrot im Gesicht, uns hastig zu erklären. „Ich begriff sofort, daß irgend ein Narr ihn geschrieben hat. Deshalb habe ich ihn Mama auch gar nicht gezeigt, um sie nicht aufzuregen. Doch was soll ich tun, wenn er mir noch mehr solche Briefe schreibt? Mawrikij Nicolajewitsch wollte zu ihm gehen, um es ihm zu verbieten. Sie aber, Herr Schatoff, da Sie doch im selben Hause wohnen, Sie können mir vielleicht etwas Näheres über ihn mitteilen?“

„Ein verkommener Mensch,“ murmelte Schatoff zur Antwort.

„Ist er immer so dumm?“

„O nein, wenn er nicht betrunken ist, ist er durchaus nicht dumm.“

„Ich habe einen General gekannt, der in seinen Mußestunden genau solche Gedichte schrieb,“ bemerkte ich amüsiert.

„Sogar aus diesem Brief ist zu ersehen, daß er nicht dumm sein kann,“ sagte der sonst so schweigsame Mawrikij Nicolajewitsch überraschenderweise.

„Man sagt, er habe hier eine Schwester bei sich?“ fragte Lisa.

„Ja, eine Schwester.“

„Und er soll sie tyrannisieren, ist das wahr?“

Schatoff sah Lisa wieder kurz an, runzelte die Stirn, brummte nur: „Was geht das mich an!“ und wandte sich zur Tür.

„Ach, aber so warten Sie doch,“ rief Lisa erregt, „wohin wollen Sie denn schon? Wir müssen doch noch so vieles besprechen! ...“

„Was denn besprechen? Ich werde Ihnen morgen Bescheid sagen ...“

„Aber die Hauptsache ist doch, wie wir es drucken! Glauben Sie mir doch endlich, daß es mir mit dem Buch wirklich ernst ist!“ beteuerte Lisa in wachsender Unruhe. „Wenn wir es nun herauszugeben beschließen, wo soll das Buch dann gedruckt werden? Wir werden doch deshalb nicht nach Moskau reisen, und die hiesige Druckerei kommt für eine solche Ausgabe doch nicht in Frage. So habe ich denn beschlossen, eine eigene Druckerei zu gründen, sagen wir, auf Ihren Namen, und Mama würde bestimmt nichts dagegen haben, wenn es auf Ihren Namen geschieht ...“

„Woher wissen Sie, daß ich zu drucken verstehe?“ fragte Schatoff finster.

„Ja, das hat mir Pjotr Stepanowitsch Werchowenski schon in der Schweiz gesagt, daß Sie das alles verstehen, und er wollte mir sogar einen Brief an Sie mitgeben, aber dann habe ich’s vergessen ...“

Wie ich mich jetzt erinnere, ging hierauf eine Veränderung in Schatoffs Gesicht vor sich. Er stand noch ein paar Sekunden da und plötzlich verließ er das Zimmer.

Lisa ärgerte sich.

„Geht er immer so weg?“ fragte sie mich.

Ich zuckte nur mit der Schulter – doch in diesem Augenblick kam Schatoff schon zurück und legte das Paket auf den Tisch.

„Ich kann nicht Ihr Mitarbeiter sein, habe keine Zeit ...“

„Aber warum, warum denn nicht? Sie haben sich wohl über irgend etwas geärgert?“ fragte Lisa ganz traurig und ihre Stimme klang bittend.

Und dieser Ton in ihrer Stimme schien ihn stutzig zu machen: ein paar Augenblicke lang sah er sie unverwandt an, als wolle er bis in ihre Seele hineinschauen.

„Einerlei,“ murmelte er dann dumpf, „ich will nicht ...“

Und er ging wirklich weg.

Lisa blieb ganz niedergeschlagen zurück – sogar weit niedergeschlagener, als man es nach dem Vorgefallenen hätte verstehen können; wenigstens schien es mir damals so.

„Ein äußerst sonderbarer Mensch,“ bemerkte Mawrikij Nicolajewitsch.

III.
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