10.
Henrik Ibsen ist mir sehr deutlich geworden. Mit all seinem robusten Idealismus und „Willen zur Wahrheit“ hat er sich nicht von dem Moral-Illusionismus frei zu machen gewagt, welcher „Freiheit“ sagt und sich nicht eingestehen will, was Freiheit ist: die zweite Stufe in der Metamorphose des „Willens zur Macht“ seitens derer, denen sie fehlt. Auf der ersten verlangt man Gerechtigkeit von Seiten derer, welche die Macht haben. Auf der zweiten sagt man „Freiheit“, das heißt, man will „loskommen“ von denen, welche die Macht haben. Auf der dritten sagt man „gleiche Rechte“, das heißt, man will, so lange man noch nicht das Übergewicht hat, auch die Mitbewerber hindern, in der Macht zu wachsen.
11.
Kritik des modernen Menschen: – „der gute Mensch“, nur verdorben und verführt durch schlechte Institutionen (Tyrannen und Priester); – die Vernunft als Autorität; – die Geschichte als Überwindung von Irrtümern; – die Zukunft als Fortschritt; – der christliche Staat („der Gott der Heerscharen“); – der christliche Geschlechtsbetrieb (oder die Ehe); – das Reich der „Gerechtigkeit“ (der Kultus der „Menschheit“); – die „Freiheit“.
Die romantische Attitüde des modernen Menschen: – der edle Mensch (Byron, Victor Hugo, George Sand); – die edle Entrüstung; – die Heiligung durch die Leidenschaft (als wahre „Natur“); – die Parteinahme für die Unterdrückten und Schlechtweggekommenen: Motto der Historiker und Romanziers; – die Stoiker der Pflicht; – die „Selbstlosigkeit“ als Kunst und Erkenntnis; – der Altruismus als verlogenste Form des Egoismus (Utilitarismus), gefühlsamster Egoismus.
Dies alles ist achtzehntes Jahrhundert. Was dagegen nicht sich aus ihm vererbt hat: die insouciance, die Heiterkeit, die Eleganz, die geistige Helligkeit. Das Tempo des Geistes hat sich verändert; der Genuß an der geistigen Feinheit und Klarheit ist dem Genuß an der Farbe, Harmonie, Masse, Realität usw. gewichen. Sensualismus im Geistigen. Kurz, es ist das achtzehnte Jahrhundert Rousseaus.
12.
Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung waren: wir haben an der Jugend selber gelitten wie an einer schweren Krankheit. Das macht die Zeit, in die wir geworfen sind – die Zeit eines großen inneren Verfalles und Auseinanderfalles, welche mit allen ihren Schwächen und noch mit ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend entgegenwirkt. Das Auseinanderfallen, also die Ungewißheit, ist dieser Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem Glauben an sich: man lebt für morgen, denn das Übermorgen ist zweifelhaft. Es ist alles glatt und gefährlich auf unserer Bahn, und dabei ist das Eis, das uns noch trägt, so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen Atem des Tauwindes – wo wir noch gehen, da wird bald niemand mehr gehen können!
13.
Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.
Die Staatsnomaden (Beamte usw.): ohne „Heimat“ –
Der Niedergang der Familie.
Der „gute Mensch“ als Symptom der Erschöpfung.
Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung).
Geilheit und Neurose.
Der Anarchist.
Menschenverachtung, Ekel.
Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß schöpferisch wird? Ersterer erzeugt die Ideale der Romantik. –
Nordische Unnatürlichkeit.
Das Bedürfnis nach Alcoholica: die Arbeiter-„Not“.
Der philosophische Nihilismus.
14.
Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren und niederen Stände (eingerechnet der niederen Art Geist und Leib), welches schon vor der französischen Revolution reichlich präludiert und ohne Revolution ebenfalls seinen Weg vorwärts gemacht hätte, – im Ganzen also das Übergewicht der Herde über alle Hirten und Leithämmel – bringt mit sich
1. Verdüsterung des Geistes (– das Beieinander eines stoischen und frivolen Anscheins von Glück, wie es vornehmen Kulturen eigen ist, nimmt ab; man läßt viele Leiden sehen und hören, welche man früher ertrug und verbarg);
2. die moralische Hypokrisie (eine Art, sich durch Moral auszeichnen zu wollen, aber durch die Herden-Tugenden: Mitleid, Fürsorge, Mäßigung, welche nicht außer dem Herden-Vermögen erkannt und gewürdigt werden);
3. eine wirkliche große Menge von Mitleiden und Mitfreude (das Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es alle Herdentiere haben – „Gemeinsinn“, „Vaterland“, alles, wo das Individuum nicht in Betracht kommt).
15.
Was heute am tiefsten angegriffen ist, das ist der Instinkt und der Wille der Tradition: alle Institutionen, die diesem Instinkt ihre Herkunft verdanken, gehen dem modernen Geiste wider den Geschmack.... Im Grunde denkt und tut man nichts, was nicht den Zweck verfolgte, diesen Sinn für Überlieferung mit den Wurzeln herauszureißen. Man nimmt die Tradition als Fatalität; man studiert sie, man erkennt sie an (als „Erblichkeit“ –), aber man will sie nicht. Die Anspannung eines Willens über lange Zeitfernen hin, die Auswahl der Zustände und Wertungen, welche es machen, daß man über Jahrhunderte der Zukunft verfügen kann – das gerade ist im höchsten Maße antimodern. Woraus sich ergibt, daß die desorganisierenden Prinzipien unserem Zeitalter den Charakter geben. –