618.

630.

Dem Wohlgeratenen, der meinem Herzen wohltut, aus einem Holz geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend ist – an dem selbst die Nase noch ihre Freude hat –, sei dies Buch geweiht.

Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist;

sein Gefallen an etwas hört auf, wo das Maß des Zuträglichen überschritten wird;

er errät die Heilmittel gegen partielle Schädigungen; er hat Krankheiten als große Stimulantia seines Lebens;

er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen;

er wird stärker durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten drohen;

er sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt, zugunsten seiner Hauptsache, – er folgt einem auswählenden Prinzip, – er läßt viel durchfallen;

er reagiert mit einer Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz angezüchtet haben, – er prüft den Reiz, woher er kommt, wohin er will, er unterwirft sich nicht;

er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder Landschaften verkehrt;

er ehrt, indem er wählt, indem er zuläßt, indem er vertraut.

631.

Was ist vornehm? – Daß man sich beständig zu repräsentieren hat. Daß man Lagen sucht, wo man beständig Gebärden nötig hat. Daß man das Glück der großen Zahl überläßt: Glück als Frieden der Seele, Tugend, Komfort, englisch-engelhaftes Krämertum à la Spencer. Daß man instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß man sich überall Feinde zu schaffen weiß, schlimmstenfalls noch aus sich selbst. Daß man der großen Zahl nicht durch Worte, sondern durch Handlungen beständig widerspricht.

632.

Kein Lob haben wollen: man tut, was einem nützlich ist oder was einem Vergnügen macht oder was man tun muß.

633.

Was ist Keuschheit am Mann? Daß sein Geschlechtsgeschmack vornehm geblieben ist; daß er in eroticis weder das Brutale, noch das Krankhafte, noch das Kluge mag.

634.

Der „Ehrbegriff“: beruhend auf dem Glauben an „gute Gesellschaft“, an ritterliche Hauptqualitäten, an die Verpflichtung, sich fortwährend zu repräsentieren. Wesentlich: daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß man unbedingt auf respektvollste Manieren hält seitens aller, mit denen man sich berührt (zum mindesten soweit sie nicht zu „uns“ gehören); daß man weder vertraulich, noch gutmütig, noch lustig, noch bescheiden ist, außer inter pares; daß man sich immer repräsentiert.

635.

Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch der Sinn alles Begehrens nach Reichtümern) ist: die Unordnung und Gemeinheit aus dem Auge sich zu schaffen und dem Adel der Seele eine Heimat zu bauen.

Die meisten freilich glauben, sie werden höhere Naturen, wenn jene schönen, ruhigen Gegenstände auf sie eingewirkt haben: daher die Jagd nach Italien und Reisen usw., alles Lesen und Theaterbesuchen. Sie wollen sich formen lassen – das ist der Sinn ihrer Kulturarbeit! Aber die Starken, Mächtigen wollen formen und nichts Fremdes mehr um sich haben!

So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht, um sich zu finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und zu vergessen. Das „Außer-sich-sein“ als Wunsch aller Schwachen und Mit-sich-Unzufriedenen.

636.

Geradezu stoßen die Adler.“ – Die Vornehmheit der Seele ist nicht am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit der sie angreift, – „geradezu“.

637.

Krieg gegen die weichliche Auffassung der „Vornehmheit“! – ein Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen: so wenig als eine Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die „Selbstzufriedenheit“ ist nicht darin; man muß abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch, verderberisch, – nichts von Schönseelensalbaderei –. Ich will einem robusteren Ideale Luft machen.

638.

Die zwei Wege. – Es kommt ein Zeitpunkt, wo der Mensch Kraft im Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese Sklaverei der Natur herbeizuführen.

Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst auszubilden zu etwas Neuem, Höherem. Neue Aristokratie. Dann werden eine Menge Tugenden überlebt, die jetzt Existenzbedingungen waren. – Eigenschaften nicht mehr nötig haben, folglich sie verlieren. Wir haben die Tugenden nicht mehr nötig: folglich verlieren wir sie (– sowohl die Moral vom „Eins ist not“, vom Heil der Seele, wie der Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen eine ungeheure Selbstbezwingung zu ermöglichen, durch den Affekt einer ungeheuren Furcht : : :).

Die verschiedenen Arten Not, durch deren Zucht der Mensch geformt ist: Not lehrt arbeiten, denken, sich zügeln.

Die physiologische Reinigung und Verstärkung. Die neue Aristokratie hat einen Gegensatz nötig, gegen den sie ankämpft: sie muß eine furchtbare Dringlichkeit haben, sich zu erhalten.

Die zwei Zukünfte der Menschheit: 1. die Konsequenz der Vermittelmäßigung; 2. das bewußte Abheben, Sich-Gestalten.

Eine Lehre, die eine Kluft schafft: sie erhält die oberste und die niedrigste Art (sie zerstört die mittlere).

Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen nichts gegen die Notwendigkeit einer neuen Aristokratie.

639.
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