276.
Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen stehen bleibt, „es gibt nur Tatsachen“, würde ich sagen: nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Faktum „an sich“ feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen.
„Es ist alles subjektiv“, sagt ihr: aber schon das ist Auslegung. Das „Subjekt“ ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzuerdichtetes, Dahintergestecktes. – Ist es zuletzt nötig, den Interpreten noch hinter die Interpretation zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese.
Soweit überhaupt das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, ist die Welt erkennbar: aber sie ist anders deutbar, sie hat keinen Sinn hinter sich, sondern unzählige Sinne. – „Perspektivismus“.
Unsere Bedürfnisse sind es, die die Welt auslegen; unsere Triebe und deren Für und Wider. Jeder Trieb ist eine Art Herrschsucht, jeder hat seine Perspektive, welche er als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen möchte.
277.
Das Verlangen nach „festen Tatsachen“ – Erkenntnistheorie: wie viel Pessimismus ist darin!
278.
„Zweck und Mittel“ | } | als Ausdeutungen (nicht als Tatbestand) und inwiefern vielleicht notwendige Ausdeutungen? (als „erhaltende“) – alle im Sinne eines Willens zur Macht. |
„Ursache und Wirkung“ | ||
„Subjekt und Objekt“ | ||
„Tun und Leiden“ | ||
„Ding an sich und Erscheinung“ |
279.
Es ist unwahrscheinlich, daß unser „Erkennen“ weiter reichen sollte, als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. Die Morphologie zeigt uns, wie die Sinne und die Nerven sowie das Gehirn sich entwickeln im Verhältnis zur Schwierigkeit der Ernährung.
280.
Die Erkenntnis wird bei höherer Art von Wesen auch neue Formen haben, welche jetzt noch nicht nötig sind.
281.
Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was er selbst in sie hineingesteckt hat: – das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft, das Hineinstecken – Kunst, Religion, Liebe, Stolz. In beidem, wenn es selbst Kinderspiel sein sollte, sollte man fortfahren und guten Mut zu beidem haben – die einen zum Wiederfinden, die andern – wir andern! – zum Hineinstecken!
282.
„Der Sinn für Wahrheit“ muß, wenn die Moralität des „Du sollst nicht lügen“ abgewiesen ist, sich vor einem andern Forum legitimieren: – als Mittel der Erhaltung von Mensch, als Machtwille.
Ebenso unsre Liebe zum Schönen: ist ebenfalls der gestaltende Wille. Beide Sinne stehen beieinander; der Sinn für das Wirkliche ist das Mittel, die Macht in die Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem Belieben zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten – eine Urlust! Wir können nur eine Welt begreifen, die wir selber gemacht haben.
283.
Die Welt „vermenschlichen“, das heißt immer mehr uns in ihr als Herren fühlen –
284.
Unsre Werte sind in die Dinge hineininterpretiert.
Gibt es denn einen Sinn im An-sich!?
Ist nicht notwendig Sinn eben Beziehungssinn und Perspektive?
Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungssinne lassen sich in ihm auflösen).
285.
Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht ist, wenn Lust alles Wachstum der Macht, Unlust alles Gefühl, nicht widerstehen, nicht Herr werden zu können, ist: dürfen wir dann nicht Lust und Unlust als Kardinaltatsachen ansetzen? Ist Wille möglich ohne diese beiden Oszillationen des Ja und des Nein? – Aber wer fühlt Lust?.... Aber wer will Macht?.... Absurde Frage! wenn das Wesen selbst Machtwille und folglich Lust- und Unlustfühlen ist! Trotzdem: es bedarf der Gegensätze, der Widerstände, also, relativ, der übergreifenden Einheiten....
286.
1. Die organischen Funktionen zurückübersetzt in den Grundwillen, den Willen zur Macht, – und aus ihm abgespaltet.
2. Der Wille zur Macht sich spezialisierend als Wille zur Nahrung, nach Eigentum, nach Werkzeugen, nach Dienern (Gehorchern) und Herrschern: der Leib als Beispiel. – Der stärkere Wille dirigiert den schwächeren. Es gibt gar keine andere Kausalität als die von Wille zu Wille. Mechanistisch nicht erklärt.
3. Denken, Fühlen, Wollen in allem Lebendigen. Was ist eine Lust anderes als: eine Reizung des Machtgefühls durch ein Hemmnis (noch stärker durch rhythmische Hemmungen und Widerstände) – so daß es dadurch anschwillt. Also in aller Lust ist Schmerz inbegriffen. – Wenn die Lust sehr groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange und die Spannung des Bogens ungeheuer werden.
4. Die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur Anähnlichung usw.
287.
Der Wille zur Macht kann sich nur an Widerständen äußern; er sucht also nach dem, was ihm widersteht, – dies die ursprüngliche Tendenz des Protoplasmas, wenn es Pseudopodien ausstreckt und um sich tastet. Die Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigenwollen, ein Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte ganz in den Machtbereich des Angreifers übergegangen ist und denselben vermehrt hat. – Gelingt diese Einverleibung nicht, so zerfällt wohl das Gebilde; und die Zweiheit erscheint als Folge des Willens zur Macht: um nicht fahren zu lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht in zwei Willen auseinander (unter Umständen ohne seine Verbindung untereinander völlig aufzugeben).
„Hunger“ ist nur eine engere Anpassung, nachdem der Grundtrieb nach Macht geistigere Gestalt gewonnen hat.